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Junges DTF
Schriftzug "Riot Now", Quelle: Riot Now!

Literatur 09.05.2026 /// 17:00 - 22:00 Uhr Literaturhaus Stuttgart RiotNow – Tag widerständiger Optimist*innen

Stimmen von Erinnerung, Wissen und Widerstand

RiotNow ist ein interdisziplinärer Literatur-, Diskurs- und Performance-Tag, der migrantische Arbeitskämpfe, Erinnerungskultur und aktuelle gesellschaftliche Fragen künstlerisch miteinander verbindet. Im Zentrum steht die Frage, wie Widerstand wirkt – damals wie heute – und welches Wissen aus vergangenen Kämpfen in unsere Gegenwart und Zukunft hineinreicht. Das Programm wird von Gün Tank und Selma Wels kuratiert.

Das Projekt versteht Widerstand nicht als abgeschlossenes historisches Ereignis, sondern als über Generationen weitergegebenes Erfahrungswissen und als Haltung, die Veränderung möglich macht. RiotNow schafft dafür einen gemeinsamen Resonanzraum: Literatur trifft auf Zeitzeug*innenberichte, wissenschaftliche Perspektiven begegnen performativen Formaten, Musik verdichtet Erinnerungen zu unmittelbarer Erfahrung. Geschichte wird hier nicht nur erzählt, sondern sinnlich erfahrbar gemacht. Unterschiedliche Stimmen, Disziplinen und künstlerische Ausdrucksformen treten in Dialog – und eröffnen neue Zugänge zu Fragen von Arbeit, Migration, Solidarität und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

RiotNow lädt dazu ein, zuzuhören, mitzudenken und weiterzudenken: als widerständige Optimist*innen, die aus der Vergangenheit Kraft für die Zukunft schöpfen.

Wie erinnern wir Widerstand?

Welche Geschichten migrantischer Kämpfe prägen unsere Gegenwart?

Welche Visionen für eine gerechtere Zukunft lassen sich daraus entwickeln?

PROGRAMM

I) Erinnern & Widerstand
Literarische, essayistische und wissenschaftliche Perspektiven eröffnen den historischen Erfahrungsraum migrantischer Kämpfe.
Erinnerung als politisches Wissen, migrantische Lebenskämpfe, Wahrnehmung, Selbstorganisation, Archive des Widerstands. Wie lassen sich diese Perspektiven heute literarisch und diskursiv fortschreiben?

  • Nesrin Tanç (Autorin, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin)
  • Fikri Anıl Altıntaş (Autor, politischer Bildner und Speaker)
  • Moderation: Ebru Taşdemir (Journalistin)

Pause mit Snacks & Getränken

II) Optimistischer Widerstand
Stimmen, die Widerstand als Haltung, Wissen und Zukunftsperspektive begreifen.

  • Musikalische Intervention
    des Ensembles vom Alten Schauspielhaus 
    Szene aus dem Theaterstück "Die Optimistinnen"
  • Zeitzeuginnengespräch über Arbeitskämpfe
    mit Irina Vavitsa (beteiligt am "Wilden Streik" 1973 in Lippstadt) und Agnieszka Jastrzębska (aktiv im Charité-Streik 2025)
    Migrantische Selbstorganisation, Arbeitskämpfe damals und heute, Widerstandserfahrungen, Formen kollektiver Organisierung.
  • Literarisch-musikalische Lesung 
    mit Gün Tank ("Die Optimistinnen) und Eren Akşahin
    Der Roman unserer Mütter - eine neue Perspektive auf die Geschichte der Gastarbeiterinnen
  • Konzert 
    von Sakîna Têyna und Eren Akşahin
    Traditionelle Gesangstraditionen verbunden mit zeitgenössischen musikalischen Ausdrucksformen.

SPEAKER*INNEN & BETEILIGTE

Eren Akşahin ist ein Multi-Instrumentalist, Komponist, Lehrer und Künstler. Seine Musik ist in der diversen folkloristischen Tradition der Anatolischen Musik verwurzelt. Zusammen mit der europäischen Klassik und dem Jazz bilden sie Erens musikalische Sprache. Er ist neben seiner traditionellen Musik auch als Crossover Künstler in Genres wie Klassik, Jazz, electronic, Prog, Contemporary & World Music bekannt.

Fikri Anıl Altıntaş, geboren 1992 in Wetzlar, studierte Politikwissenschaften, Ethnologie und Osteuropastudien in Tübingen, Istanbul und Berlin und arbeitet als politischer Bildner und freier Autor. Er schreibt unter anderem für der Freitag, taz und pinkstinks.de. In seinen Texten, Vorträgen und Workshops, u.a. für den Gropius Bau und das ZDF, beschäftigt er sich mit Männlichkeit und Rollenbildern, Privilegien und der (De)-Konstruktion von nicht-weißen, muslimisch gelesenen Männlichkeiten in Deutschland. Auf Instagram schreibt er über Rollenbilder und bricht mit Sehgewohnheiten und ist ehrenamtlich als #HeForShe Deutschland Botschafter von UN Women Deutschland aktiv.

Agnieszka Jastrzębska arbeitet in der Großküche der Charité in Berlin und engagiert sich gewerkschaftlich bei ver.di. Während des Streiks der Beschäftigten der Charité Facility Management im Jahr 2025 trat sie als eine der sichtbaren Stimmen der Kolleg*innen auf und setzte sich öffentlich für bessere Arbeitsbedingungen und eine Angleichung der Löhne an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes ein. Ihr Engagement steht beispielhaft für die Selbstorganisation vieler Krankenhausbeschäftigter in ausgelagerten Bereichen.

Dr. Nesrin Tanç ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Ruhr Universität Bochum. Aktuell forscht sie zu multidirektionaler und transformativer Erinnerungsarbeit. Promoviert 2021 mit der transphilologischen Dissertation "Die Ordnung der Vielfalt" hat sie zudem wissenschaftliche Studien zu Formen der Erinnerung an die sog. Gastarbeiter*innen aus der Türkei (ifa e.V., 2021) als auch künstlerische Formate der Erinnerungsarbeit wie "Anatolpolitan" und "Bergüzar" oder "Agentur Ausländerrauş" umgesetzt. In "Kulturelles Gedächtnis und Literatur" (transcript, 2025) erweitert sie ihre theoretischen Konzepte mit kollaborativen künstlerischen Kartografierungen, neuen didaktischen Methoden und Literaturübersetzungen.

Gün Tank ist eine Autorin, Moderatorin und Kuratorin. Sie wurde in der Türkei geboren und wuchs in Deutschland auf. Viele ihrer Arbeiten beschäftigen sich mit Migration, Erinnerung und gesellschaftlicher Teilhabe. Mit ihrem Roman "Die Optimistinnen" erzählt sie die Geschichte von Arbeiterinnen der ersten Einwanderungsgeneration und macht deren Erfahrungen und Kämpfe literarisch sichtbar. Im Juni 2026 kommt er als Inszenierung von Murat Yeğiner am Alten Schauspielhaus Stuttgart auf die Bühne.

Ebru Taşdemir studierte Publizistik und Turkologie an der FU Berlin und arbeitete als freie Autorin für verschiedene Medien. 2017-2022 war sie Redakteurin und Chefin vom Dienst bei der taz. Sie ist Mitglied der Nominierungskommission Info und Kultur des Grimme-Preises und Kolumnistin der Reihe "100 Sekunden Leben" im Inforadio des rbb. Zudem ist sie seit September 2025 Teil des Kuratoriums der taz Panter Stiftung. 

Sakîna Têyna wurde in Varto in der Osttürkei geboren und lebt heute in Wien. Ihre musikalische Laufbahn begann Anfang der 1990er-Jahre in Istanbul, wo sie sich intensiv mit kurdischer Musik und traditionellen Gesangsformen aus Anatolien beschäftigte. Heute ist sie international als Sängerin tätig und verbindet in verschiedenen Projekten traditionelle Klangwelten mit zeitgenössischen musikalischen Arrangements.

Irina Vavitsa war eine Arbeiterin im Hella-Werk in Lippstadt und gehörte 1973 zu den zentralen Initiatorinnen des dortigen Streiks von migrantischen Arbeiterinnen. Der Arbeitskampf richtete sich gegen niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und diskriminierende Behandlung in der Fabrik. Vavitsa wurde zu einer wichtigen Stimme der streikenden Frauen und steht heute beispielhaft für den selbstorganisierten Arbeitskampf von sogenannten "Gastarbeiterinnen" in den 1970er-Jahren.

Selma Wels kam als Tochter türkeistämmiger Eltern in Pforzheim zur Welt. Von 2011 bis 2020 leitete sie den von ihr gründeten binooki Verlag. 2017 wurde sie für "ihren unternehmerischen Mut, ihren Pioniergeist und ihre kulturelle Vermittlungsarbeit" mit dem renommierten europäischen Kulturpreis KAIROS ausgezeichnet. Sie ist Co-Initiatorin und Kuratorin des viel beachteten Literaturfestivals "WIR SIND HIER – Festival für kulturelle Diversität". 2022 wurde sie in die Jury des Deutschen Buchpreises berufen.