News /// 09.06.2026 Wir fordern eine bundesweite Zukunftsoffensive für COSMO
Offener Brief an die Intendantinnen und Intendanten der ARD
Sehr geehrter ARD-Vorsitzender Florian Hager,
sehr geehrte Intendantinnen und Intendanten,
bestürzt haben wir zur Kenntnis genommen, dass der WDR sein mehrsprachiges, interkulturelles Radioprogramm COSMO zum 1. April 2027 einstellen will und der WDR-Rundfunkrat dieser Entscheidung zugestimmt hat. In Zeiten eines erstarkenden Rechtsextremismus spart die ARD genau dort, wo es die Demokratie am härtesten trifft.
Wir, mehr als 500 migrantische Organisation sowie weitere Unterstützende aus Kultur, Wissenschaft, Medien und Politik, wenden uns heute mit einem klaren und konstruktiven Appell an Sie: Lassen Sie nicht zu, dass vielen Menschen der Zugang zu Information und medialer Teilhabe verloren geht – insbesondere jenen, die auf mehrsprachige Angebote angewiesen sind.
Diese Vielfalt ist unersetzbar
Mehr als ein Viertel der Menschen in Deutschland hat eine Migrationsgeschichte. Für diese Communitys ist COSMO kein Nischenprogramm. Es ist ein publizistisches Zuhause und das einzige öffentlich-rechtliche Programm, das ihre Lebenswirklichkeit sprachlich, kulturell und biografisch ins Zentrum stellt. Fällt COSMO weg, schrumpft genau der Raum, den wir in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung und eines erstarkenden Nationalismus dringender brauchen denn je: der Raum für unterschiedliche Perspektiven und ein Miteinander jenseits von Abschottung und Vereinheitlichung.
Schutzschild gegen Desinformation
Die COSMO-Angebote in den Erstsprachen sind ARD-weit neben WDRforyou die einzigen seriösen Informationsquellen in diesen Sprachen. Wer diese Lücke entstehen lässt, überlässt Menschen den Algorithmen der sozialen Medien und staatlich gelenkten Auslandsmedien. Mehrsprachigkeit ist ein notwendiger Schutzschild für unsere Demokratie.
Forderung nach einem ARD-Schulterschluss
Sparzwänge und Reformen rechtfertigen weder ein Demokratiedefizit noch den Abbau von Vielfalt. Bisher haben drei Anstalten COSMO gemeinsam verantwortet. Das zeigt: Kooperation ist möglich. Wir fordern, diesen Weg auch mit der geplanten Radio-Reform konsequent weiterzugehen. Warum machen nicht alle Landesrundfunkanstalten aus COSMO eine starke, bundesweite Marke, ein crossmediales innovatives Gemeinschaftsprogramm, und statten es mit den nötigen Ressourcen aus? Statt einer WDR-Entscheidung im Alleingang braucht es einen echten ARD-Schulterschluss.
Vor diesem Hintergrund fragen wir Sie:
1. Welche Strategie verfolgt die ARD, um Menschen mit Migrationsgeschichte künftig zuverlässig, nachhaltig und vor allem messbar zu erreichen?
2. Wie ist die Einwanderungsgesellschaft strukturell in der ARD-Gesamtstrategie verankert?
Wir freuen uns auf den Dialog mit Ihnen. Gleichzeitig stellen wir unmissverständlich klar: Wir sind nicht bereit, das Aus von COSMO zu akzeptieren. Ein einzigartiges, mehrsprachiges Programm darf nicht in konventionellen Wellen aufgehen. Jugendwellen und Kultursender gibt es viele – ein publizistisches Zuhause für die Einwanderungsgesellschaft gibt es unter Ihren Radioprogrammen derzeit nur einmal. Es braucht also eine konstruktive Lösung im Reformprozess des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Deshalb unsere Forderung: Kommen Sie Ihrem gesetzlichen Auftrag nach, ein Gesamtangebot für alle zu unterbreiten. Die Petition „Save Cosmo“, die bereits von über 100.000 Menschen unterzeichnet wurde, zeigt eindringlich, dass die Zivilgesellschaft diesen Kahlschlag nicht mitträgt. Als Vertretung von über 500 migrantischen Organisationen sehen wir es als unsere demokratische Pflicht, diesen Prozess transparent zu begleiten. Wir werden diesen Brief im Sinne einer kritischen Zivilgesellschaft öffentlich machen und zur Debatte stellen.
Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung und einen konkreten Vorschlag für einen gemeinsamen Dialog bis zum 15. Juni 2026. Für ein persönliches Gespräch stehen wir Ihnen jederzeit zur Verfügung.
Der Brief entstand auf Initiative der Neuen deutschen Medienmacher*innen und wurde von mehr als 500 Organisationen und Personen mitgezeichnet.