Wie das Deutsch-Türkische Forum Stuttgart entstanden ist

02.09.2019 18:07

Von Adrian Zielcke

Heute ist das Deutsch-Türkische Forum Stuttgart eine tief verwurzelte Einrichtung in der Landeshauptstadt. Es steht bundesweit an der Spitze derjenigen Institutionen und Organisationen, die sich darum bemühen, dass Menschen in Deutschland zusammenleben. Menschen aus unterschiedlichen Ländern, mit unterschiedlichen Religionen. Niemand hat sich vorgestellt, wie schwierig diese Aufgabe sein würde. Und wie schwierig sie bis heute geblieben ist. Menschen aus dem Osten Anatoliens aus der mittelalterlich-patriarchalisch geprägten Gesellschaft, tief im Islam verwurzelt, wurden damals in eine mitteleuropäische Industriegesellschaft geworfen, die gerade dabei war, Bindungen an Großfamilie und an Kirchen abzulegen. Größer hätte der Unterschied nicht sein können. Entsprechend tief war der Graben. Er ist bis heute nicht überwunden. Aber dann wäre ja auch das Forum überflüssig.

Wie aber kam es überhaupt zur Gründung dieser einmaligen Einrichtung in Deutschland, um die uns heute viele Städte beneiden? Es ist eine schöne Geschichte, sie ist nicht ausgedacht, sondern sie ist wahr!

Es war so: Anfangs der 1990ger Jahre wurde ich bei der Stuttgarter Zeitung zum Ressortleiter Außenpolitik ernannt. Zuvor war ich lange Nachrichtenchef, der versuchte, den täglichen Strom an Informationen zu ordnen und zu kanalisieren. Als Chef der Außenpolitik musste ich nun versuchen, den Lesern die Welt immer aufs Neue zu erklären. Und diese Welt hatte sich nach außen durch den Fall der Mauer, den Zusammenbruch der Sowjet-Union, grundlegend geändert. Nach innen waren aus den westdeutschen Großstädten Orte geworden, in denen die ursprünglich Einheimischen mit den Neuankömmlingen und deren Kindern zusammen lebten. Nein, sie lebten nicht zusammen, das tun sie bis heute kaum. Aber damals lebten sie nebeneinander her, tiefe Gräben trennten diese Welten in ein und derselben Stadt. Jedenfalls sprang ich mit großer Begeisterung in meine neue Aufgabe als Welterklärer. Und ich hatte gute Voraussetzungen mitgebracht. Ich war Mitglied des Deutsch-Russischen Forums, in dem sich alles sammelte, was Richtung Osten blickte. Ich hatte Slawistik studiert, konnte leidlich Russisch sprechen und fuhr jedes Jahr einmal nach Russland - von Kaliningrad über St. Petersburg, Moskau über Nowosibirsk nach Irkutsk und schrieb darüber. Und die Robert Bosch Stiftung lud Journalisten nach Georgien ein, in die Ukraine, nach Polen - alles unbekannte Länder für unsere Leser, die sehr gerne meine Geschichten verschlangen.

Aber als Chef durfte ich mich nicht nur meinen Lieblingsgegenden dieser Welt widmen, ich musste auch über Brüssel schreiben, über Washington und - über die Türkei, die sich damals mit der EU in Gesprächen über einen Beitritt befand. Nun gut, ich behalf mich mit dem Lesen anderer Zeitungen, Google gab es damals nicht. Ich fragte unseren Korrespondenten und schrieb munter drauf los. Das blieb nicht ohne Echo. Eines Tages rief das türkische Generalkonsulat an, und schlug ein Treffen mit der damaligen Generalkonsulin Fırat Topçuoğlu vor. In den Räumen des Generalkonsulats am Kernerplatz im Osten der Stadt. Für mich als Stuttgarter Bürger aus dem Westen war der Osten ein fremder Ort. Ich sagte natürlich zu, denn neugierig war ich immer. Und ich hatte zwar viele Polen, Russen, Ukrainer und Georgier kennengelernt, aber noch nie einen leibhaftigen Türken getroffen, geschweige denn eine Generalkonsulin.

Diese empfing mich sehr freundlich, wir tranken Tee zusammen und wir kamen ins Gespräch. Sie war eine sehr gebildete Frau und sprach ausgezeichnet Deutsch. Vorsichtig näherte sie sich und doch klar ihrem eigentlichen Thema: Ob ich schon einmal in der Türkei gewesen sei? Ich verneinte. Sie: ,,Das merkt man! Sie schreiben ausgezeichnete Artikel über Russland. Aber was Sie über die Türkei schreiben, ja zusammenschreiben, das ist blanker Unsinn! Das sind Texte ohne jede Kenntnis des Landes. Es tut weh, so etwas in der Zeitung lesen zu müssen!" Das traf mich natürlich! Darauf war ich nicht vorbereitet. Höflich, aber unmissverständlich erklärte mir die Generalkonsulin, dass ich Mist schreibe, wenn ich Meinungen über die Türkei äußerte. Einerseits bewunderte ich ihren Mut, anderseits hört niemand gern, wenn er seiner Aufgabe nicht gewachsen ist - und das Urteil kompetent vorgetragen wird. Ich erklärte ihr also, dass ich Slawist sei und nicht ein Kenner der Türkei. Sie schlug mir vor, eine Reise durch die Türkei zu unternehmen - auf Einladung des türkischen Staates. Ich nahm erfreut an. Denn für mich war die Türkei so fremd wie die ganze islamische Welt. Das Generalkonsulat stellte also eine Reise für drei Journalisten aus Stuttgart zusammen. Und als Begleiter zwei Stuttgarter Bürger: Ersin Uğursal und Ahmet Arpad, einer der gebildetsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Diese zwei begleiteten uns also von der Landung in Istanbul, sie brachten uns zu einem wunderbaren Hotel nahe einer Moschee, das ich nie vergessen werde. Sie waren dabei auf unserer Reise über Kayseri bis weit in den Südosten der Türkei nach Harran, dem Geburtsort Abrahams, einem Ort, der auch für Muslime heilig ist. Die Welt zwischen dem quicklebendigen Istanbul mit seinen wunderbaren Moscheen und dem tief gläubigen Leben auf dem Land nahe der syrischen Grenze hat mich tief beeindruckt. Diese Reise war und ist eine der schönsten und eine der spannendsten meines Lebens. Wunderbar!

Wieder zurück in Stuttgart beschrieb ich diese Reise in der Zeitung und traf mich immer wieder mit Ahmet Arpad und Ersin Uğursal. Bisher hatte ich als Journalist meine Hauptaufgabe in der Versöhnung zwischen Polen und Deutschen, zwischen Russen und Deutschen gesehen. Ich hatte Willy Brandt und Richard von Weizsäcker bei ihren Reisen in den Osten begleitet. Jetzt aber galt es, Verständigung und Versöhnung nach innen zu betreiben. Wenn ich aus meiner Heimat, dem Stuttgarter Westen, in den Stuttgarter Osten ging, besuchte ich eine fremde Stadt, ein fremdes Land, eine fremde Kultur. Die türkischen Restaurants im Osten bildeten Inseln der Verständigung, in denen man sich zusammensetzen konnte. Wir wollten eine Einrichtung gründen, in denen sich Deutsche und Türken näher kamen, in denen sie miteinander sprachen, nicht übereinander.

Aber wie? Ich kam auf die Idee, diese Gedanken in der Robert Bosch Stiftung vorzutragen. Die Stiftung ist schließlich auf Verständigung und Versöhnung angelegt. Aber ihr Wirken war im Wesentlichen nach außen gerichtet, sie organisierte damals Programme in Frankreich, in Polen, in Russland. Diese Verständigung nach außen musste ergänzt werden durch die Verständigung nach innen. Denn Deutsche und Türken waren sich fremd geblieben und wussten wenig voneinander. Damals war Ulrich Bopp Geschäftsführer der Stiftung. Und in vielen Gesprächen fing er Feuer von der ganz und gar neuen Aufgabe der Stiftung! Er war der richtige Mann als Jurist, als Geschäftsführer der Robert Bosch Stiftung, die über große Mittel verfügt und als Mensch, der in seiner Aufgabe aufging, der für sie lebte. Ich hatte den Gedanken an Verständigung. Er hatte den Gedanken, ein Forum zu gründen. Und es ging ja nicht nur darum, die notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Es ging darum, überzeugende Menschen zu gewinnen, damit das Forum ein breites Publikum erreichen konnte. So sprach er Manfred Rommel an, den unvergessenen ehemaligen Oberbürgermeister unserer Stadt, der lange Jahre die Honorare seiner Bücher dem Forum zur Verfügung gestellt hat, der lange Jahre das Kuratorium der Stiftung geleitet hat. Und Edzard Reuter, der in der Türkei aufwuchs, weil sein Vater dorthin vor den Nazis flüchtete. Der Vater wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Regierender Bürgermeister von Berlin, Edzard Reuter wurde Vorstandsvorsitzender von Daimler Benz. Und Ulrich Bopp hat lange Zeit das Forum geprägt. Rommel, Reuter, Bopp haben das Forum gegründet, ihm Form gegeben, Leben eingehaucht und seinen großen Erfolg begründet. Ohne sie wären alle schönen Vorschläge Phantasien geblieben. Eine wunderbare Geschichte!