Merhaba Stuttgart 2011 - 50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen

Die Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei im Jahr 1961 jährte sich 2011 zum 50. Mal. Aus diesem Anlass hat das DTF Stuttgarter Kultureinrichtungen und Vereine aufgerufen, eine gemeinsame Veranstaltungsreihe zu organisieren. Man einigte sich auf den Namen "Merhaba Stuttgart" und vereinbarte eine Kooperation, der jede Einrichtung Veranstaltungen beisteuern konnte. Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster und Generalkonsul Türker M. Arı übernahmen die Schirmherrschaft. Als Partner waren an "Merhaba Stuttgart" beteiligt: Deutsch-Türkische Gesellschaft Stuttgart, Forum der Kulturen Stuttgart, ifa-Galerie, IG Metall Stuttgart, Junges Ensemble Stuttgart, Kultur und Sozialinitiative Stuttgart, Kulturamt Stuttgart, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Linden-Museum, Literaturhaus, Planungsstab Stadtmuseum Stuttgart, Renitenztheater, Stabsstelle für Integrationspolitik, Stadtbücherei Stuttgart, Stadtjugendring Stuttgart, Stiftung Bundespräsident- Theodor-Heuss-Haus, Stuttgarter Jugendhausgesellschaft, SWR International, Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg, Türkisches Generalkonsulat Stuttgart und Volkshochschule Stuttgart.


Ausstellungsprojekt

Die Ausstellung "Merhaba Stuttgart" fand zwischen dem 5. Juni und 18. Dezember im Linden-Museum statt und blickte auf ein halbes Jahrhundert deutsch-türkischer Stadtgeschichte und vier Generationen schwäbisch-türkischen Miteinanders. Über 100 Interviews erzählten Geschichten von Stuttgarter Bürgern mit türkischen Wurzeln. Die Andenken, kleine Schätze und Talismane, welche die Menschen auf ihrer Reise begleitet haben, waren ebenso Teil der Ausstellung wie erste Anschaffungen in der neuen Heimat. Erzählt wurden Geschichten von Menschen, die sich auf den Weg aus der Türkei ins Ländle gemacht haben und von Gästen zu Bürgern wurden.

Als Titelmotiv wurden zwei Speisen gewählt, die die Türkei und Deutschland vereinen: die türkische Simit und die schwäbische Brezel.

Die Ausstellung beleuchtete verschiedene Themen, bei denen sie stets auch Interviewpartner – selbst zu Wort kommen ließ –sowohl schriftlich als auch in kleinen Videopräsentationen. Sie erzählten Lebensgeschichten und individuelle Erfahrungen. Dabei erhoben die präsentierten Inhalte und die Vorstellung der Personen nicht den Anspruch, umfassend zu sein. Dennoch wurde die Vielfalt der türkischen Zuwanderungsgeschichte in Stuttgart sichtbar. Weil nicht alle Geschichten erzählt wurden, hatten die Besucher die Möglichkeit , ihre eigenen Erfahrungen an einer Medienstation zu ergänzen.

Die Ausstellung war ein Kooperationsprojekt von Linden-Museum Stuttgart, dem Planungsstab Stadtmuseum Stuttgart und dem Deutsch-Türkischen Forum Stuttgart und wurde von der Robert Bosch Stiftung gefördert. Die Grundlage der Ausstellung waren Interviews, die Schüler des Wirtschaftsgymnasiums West und der Schillerschule geführt haben. Zwischen Juni und Dezember fanden zahlreiche Ausstellungsführungen statt.

Zur Eröffnung der Ausstellung am 5. Juni 2011 sprachen die Direktorin des Linden-Museum, Prof. Dr. Inés de Castro, der Stuttgarter Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster, die Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung Dr. Ingrid Hamm und der türkische Generalkonsul Türker Arı. Die Ausstellungskuratoren Dr. Annette Krämer (Linden-Museum), Dr. Anja Dauschek (Stadtmuseum) und Kerim Arpad (DTF) führten in die Ausstellung ein, die die Stuttgarter Agentur Iconas gestaltet hatte. Am Eröffnungstag gab es im Wannersaal ein Konzert der Gruppe Stuttgart Halk Müzigi Topluluğu mit türkischer Volksmusik.


Comic-Wettbewerb

In Vorbereitung der Sonderausstellung haben das DTF, das Linden-Museum und der Planungsstab Stadtmuseum gemeinsam mit der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft zu einem Wettbewerb aufgerufen, in dem kreative Jugendliche und junge Erwachsenen die Geschichte des Anwerbeabkommens in einem Comic erzählen sollten. Als Gewinn winkt neben einem kleinen Preisgeld die Teilnahme an einem Comic-Workshop mit Andreas Hykade und Naomi Fearn. Gewonnen hat den Wettbewerb der Stuttgarter Schüler Anh Tu Nguyen. Seine und weitere Wettbewerbsbeiträge waren zunächst im Jugendhaus West und später in der Ausstellung zu sehen.

Im Rahmen des Wettbewerbs entstand auch der Rap-Song "Merhaba Stuttgart" von J-Eleven, in dessen Video die beiden jungen Stuttgarter Rapper Enver Diker und Eğit Doru unter anderem mit dem VfB-Profi Serdar Taşcı auftreten.


Begleitprogramm zur Ausstellung

Durch eine Spende der Daimler AG konnte das DTF zahlreiche Aktivitäten im Rahmenprogramm der Ausstellung veranstalten, die Aspekte der Ausstellung aufgriffen und immer wieder neue Besuchergruppen auf die Ausstellungsthematik aufmerksam machten.

Lesung von Gülçin Wilhelm: "Generation Koffer – Die Pendelkinder der Türkei"
Am 14. September las die Berliner Autorin Gülçin Wilhelm aus ihrem Buch "Generation Koffer: Die Pendelkinder der Türkei". Das Buch widmet sich dem Schicksal tausender "Gastarbeiter"-Kinder türkischer Herkunft: Von den Eltern verlassen, lebten sie jahrelang bei Verwandten in der Türkei. Manche wurden später nach Deutschland geholt. Was sie alle verbindet ist ein ambivalentes Verhältnis zu den eigenen Eltern und dann auch zu ihren Kindern. Eine Mutter, die selber zurückgelassen worden war, wehrt sich gegen die Vorstellung, dass ihre Kinder irgendwann ausziehen und weggehen würden. Gülçin Wilhelm zeigt am Beispiel von zehn Portraits erstmalig die Lebensgeschichten der Betroffenen. Es sind Geschichten über die Wurzellosigkeit im doppelten Sinn: Die heute 35- bis 50-Jährigen sind Teil unserer Gesellschaft, viele von ihnen gelten als erfolgreich und gebildet. Doch spätestens, wenn sie selbst Eltern werden, brechen die Wunden der Kindheit wieder auf.

Familientag "Merhaba Stuttgart"
Die Sonderausstellung "Merhaba Stuttgart" öffnete am 3. Oktober, dem Feiertag zur Deutschen Einheit, ihre Tore zum deutsch-türkischen Familientag. Geboten wurden Führungen durch die Ausstellung, ein spannendes Quiz für Kinder zur Ausstellung und natürlich Musik. Junge Engagierte des DTFs boten Kinderschminken an und lasen Geschichten im Bazar. Hatice Güler-Meisel präsentierte ein "Karagöz und Hacivat" Schattenspiel mit und bastelte mit den Kindern Schattenspielfiguren. Die Gruppe Stuttgart Halk Müziği Topluluğu, deren Musiker aus verschiedenen Regionen der Türkei stammen, spielte Melodien aus Anatolien. Am Abend las der Berliner Autor Werner Felten aus seinem Buch "Allein unter Türken. Mittendrin statt von oben herab: Mein Leben in bester (Parallel-)Gesellschaft." Felten gründete mit Metropol FM die erste Radiostation, die in türkischer Sprache sendete. Kaum jemand weiß so gut wie er, was deutsch- und türkischstämmige Menschen trennt und was sie verbindet. Zu den Veranstaltungen und in die Ausstellung kamen an diesem Tag viele Eltern mit ihren Kindern. Oftmals waren die eigenen Migrationserfahrungen Thema der Gespräche, so dass Kinder mehr über die eigene Familiengeschichte erfuhren.

Türkische Zuwanderung in Kunst und Kultur "Das Unaussprechliche"
"Es gibt Dinge, die ich nicht erzählen kann" – diese Reaktion einer Interviewpartnerin in der Ausstellung "Merhaba Stuttgart" zeigte, dass es schwer fällt, manche Erfahrungen und Gefühle auszusprechen. Wie kann "das Unaussprechliche" gesagt und vermittelt werden? Sibylle Thelen diskutierte am 19. Oktober im Linden-Museum mit Stuttgarter Kulturschaffenden, der Sängerin Ninel Çam, dem Schauspieler Yavuz Köroğlu, der Fotografin Ülkü Süngün und Dramaturgin Barbara Tacchini von der Jungen Oper.

Lesung mit Adrian Zielcke "Unverkennbar Stuttgart" und seine schwäbischen Türken
Der Stuttgarter Autor und Kolumnist der Sonntag Aktuell Adrian Zielcke las am 7. Dezember aus seinem Buch "Unverkennbar Stuttgart". Er vereint darin schwäbische und türkische Stuttgarter und betont, dass in einer Stadt, deren Identität sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat, "unsere Türken" heute zum Stuttgarter Alltag gehören. Im Gespräch mit zwei der portraitierten Stuttgarter, dem Journalisten Ahmet Arpad und dem Gastronomen Burhan Şabanoğlu stellte Adrian Zielcke seine "Liebeserklärung" an Stuttgart vor.

Finissage der Sonderausstellung Merhaba Stuttgart
Die Sonderausstellung "Merhaba Stuttgart" ging am 18. Dezember nach über sechs Monaten zu Ende. Zum feierlichen Abschluss der Ausstellung gab es Gespräche mit den Machern der Ausstellung, die Präsentation digitaler Geschichten, Musik von der Band X-TANBUL und türkische Leckereien.