Von Burggesprächen und Käferbesuch

Ein Bericht über die deutsch-türkischen Biografiegespräche auf Burg Liebenzell, 2.-4. Oktober 2015

von Marc Hettich

Ein dezenter sanfter Gongschlag dringt durch den lichtdurchfluteten Raum. Eine Dame hat sich noch eben einen Tee aus dem Automaten geholt, während zwei weitere Teilnehmerinnen angeregt auf Türkisch debattieren. Moderatorin Christine Winzer lächelt verständnisvoll. "Willkommen zurück zur nächsten Runde unserer Biografiegespräche", begrüßt sie die vergnügte Schar nach der Pause.

In jeder Runde hat einer der acht Teilnehmer und Teilnehmerinnen eine halbe Stunde Zeit, aus dem eigenen Leben zu erzählen. Die Wahl der Themen bleibt dabei völlig offen. Jeder und jede kann nach eigenem Ermessen ins Detail gehen und die Erzählung ausschmücken, oder wahlweise auch minimal halten. Anschließend haben die restlichen Teilnehmenden sowie die beiden Moderatoren die Möglichkeit, vertiefende Fragen zu stellen. Oberste Gebote sind dabei Respekt und Achtung vor dem Gesprächspartner, sowie Vertraulichkeit. Daher sind wertende Fragen verboten. Ein Nachbohren, wenn der Erzählende aufgrund der Brisanz der Ausführungen bereits mit der Fassung ringt, verbietet sich von selbst. Das Konzept beruht auf dem sogenannten Gödelitzer Model nach Axel Schmidt-Gödelitz.

Moderator Dr. Wolfgang Kunze ist gleichzeitig auch Vorstandsmitglied beim Deutsch Türkischen Forum Stuttgart, das bei diesen Biografiegesprächen auf Burg Liebenzell als Veranstalter auftritt. Er zeigte sich erfreut über die Zusammensetzung der Gruppe, die ein weites Spektrum abdeckte. Viermal türkische, viermal deutsche Wurzeln. Einige wenige Teilnehmende kannten sich bereits. Das männliche Geschlecht war mit zwei Herren etwas unterrepräsentiert, die Altersspanne dagegen reichte weit: die älteste Beteiligte brachte 76 Jahre Lebenserfahrung und eine entsprechend spannende Biografie mit. Die jüngste Erzählerin mit 31 Jahren hatte auch gleichzeitig die längste Anreise (aus der Nähe von Frankfurt) und sprang sehr kurzfristig für eine Teilnehmerin ein, die absagen musste. Kein Wunder also, dass sie am Abend erst mit etwas Verspätung anreisen konnte. Immerhin traf sie noch rechtzeitig zum gemütlichen Beisammensein in der rustikalen Burgschenke ein, wo die meisten anderen Kursteilnehmer nach einem kurzen Rundgang durch die beeindruckende Burg bereits vom hiesigen Wein kosteten. Ein naseweiser Burgbewohner der Gattung Maus trippelte aufgeregt über die gegenüberliegende Sitzgruppe, war aber offensichtlich von den auch zu später Stunde noch eifrig plaudernden Menschen etwas eingeschüchtert.

Weitere Burgbewohner waren zahllose Marienkäfer, die sich auf den Fenstern breitmachten und so den herrlichen Ausblick auf das geradezu malerisch idyllisch gelegene Bad Liebenzell bereicherten.

Von Marienkäfern in Überzahl und Mäusen abgesehen, gab es bei den zweiten Deutsch-Türkischen Biografiegesprächen aber keinerlei Berührungsängste. Alle erzählten offen aus ihrem Leben. Zunächst leicht gehemmt, brach sich der Erzählfluss schnell seine Bahn. Wort für Wort nahmen die Teilnehmer die Geschichten auf. Atemlose Stille und tiefe Betroffenheit. Aber auch fröhliches Lachen, fast wie bei einer Klassenfahrt der Oberstufe. An Schulzeiten fühlte sich auch so mancher erinnert, wenn die Teilnehmenden vor jeder Runde interessiert auf ihr Schuhwerk, die Decke oder in ihre Kaffeetassen schielten. Denn die Reihenfolge blieb offen - jeweils unmittelbar vor Rundenbeginn legten die Moderatoren einen Kandidaten fest.

Die Gespräche wurden immer wieder von kleinen und größeren Pausen unterbrochen, so dass jede Biografie ohne Zeitdruck in Ruhe erzählt und besprochen werden und nachklingen konnte. Die Versorgung der Teilnehmenden durch das Team der Tagungsstätte war hervorragend. Das Deutsch-Türkische Forum hat auf Burg Liebenzell schon diverse andere Seminare und Workshops abgehalten und zeigte sich sehr großzügig: sämtliche Kosten für Unterkunft, Verpflegung (mit Ausnahme alkoholischer Getränke) und Anreise wurden übernommen. Die Gäste fühlten sich auf der Burg offenbar sehr wohl. Das ging soweit, dass sie nach dem Essen selbst das Geschirr abräumten.

Auch bei der Gestaltung des Abendprogrammes zeigten die Teilnehmenden Eigeninitiative - die beiden Herren sorgten für Unterhaltung: zum einen mit einem bildgestützten Vortrag über Reisen nach Istanbul, zum anderen mit einer selbstgedrehten kleinen Videoreportage über türkischstämmige Frauen in Deutschland. Anschließend wurde noch buchstäblich über Gott und die Welt diskutiert, bevor sich dann die ersten Burgbewohner in die Betten begaben.

Akademiker und Hausfrauen. Verheiratet und geschieden. Kinderlos und kinderreich. Trotz ganz unterschiedlicher Sozialisation waren sich die Teilnehmer einig, dass ihre Erwartungen an das Wochenende nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen wurden. Aufeinander zugehen, intensives Zuhören, sich einfühlen und die Erkenntnis, dass so mancher trotz schwerster Schicksalsschläge noch mit einem Lächeln auf einem der hölzernen Stühle hinter seinem bunten Namensschild sitzt und eine ungebremste Lebensfreude und Gelassenheit ausstrahlt. Sichtlich gerührt lagen sich drei der ältesten Teilnehmerinnen einträchtig in den Armen, überwältigt vom geteilten Leid und dem Gefühl, verstanden zu werden - und vor allem, nicht allein zu sein.

Entsprechend schwer fiel der Abschied. Für drei Teilnehmer, die so begeistert waren, dass sie sich selbst zum Moderator ausbilden lassen möchten, wird es ein Wiedersehen auf Gut Gödelitz geben. Alle gemeinsam treffen sich - so sieht es das Konzept der Biografiegespräche vor - in einigen Monaten wieder, um das Netzwerk aufrecht zu erhalten. Und vielleicht ja sogar, um Freundschaften erblühen zu lassen.

Bleibt zu hoffen, dass es noch viele weitere Biografiegespräche dieser Art geben wird. Und auch dann wird wieder der sanfte Gong ertönen. Und ein Mensch öffnet sein Herz und erzählt aus seinem Leben, während die Anderen aufmerksam lauschen und lernen.