Festival Herkunftssache!

mit Didier Eribon, Muhterem Aras, Fatma Aydemir, Deniz Utlu, Édouard Louis, Ijoma Mangold, Sascha Marianna Salzmann, Valzhyna Mort, Uljana Wolf, Melinda Nadj Abonji, Sighard Neckel, Thomas Krüger, Milos Sofrenovic und Jurczok 1001.

Didier Eribons zutiefst berührendes Buch, RÜCKKEHR NACH REIMS, eine autobiografische und zugleich soziologische Annäherung an seine Familie aus den verarmten Banlieues in Reims, bildet den Auftakt für das Festival "Herkunftssache!" im Literaturhaus Stuttgart. Herkunftsfragen können jedoch nicht auf die soziale Kategorie reduziert werden, sondern sind stets verschränkt mit ethnischen, kulturellen oder geschlechtlichen Zuschreibungen. Wie können wir diese, einmal angeeignet oder etikettiert, zukünftig wieder durchlässiger machen? Wie können wir die Vielfalt der Herkünfte in eine positiv besetzte Heterogenität integrieren, wie trotz Distinktion Gemeinschaft herstellen? Was kann Kultur, Kunst und Literatur, um populistischen und vereinfachten Einordnungen entgegenzuwirken? Diesen Fragen auf der Spur möchte das Literaturhaus Stuttgart die "Herkunftssache!" zu seiner Sache machen: Bestandteil der Befragungen sind zahlreiche Begegnungen mit den Gästen des Festivals, Lesungen, Gespräche und Vorträge.

Des Weiteren haben sich Jugendliche im Vorfeld des Festivals in einen Familientausch begeben; ihre Erfahrungen werden im Laufe des Festivals präsentiert. Und unter dem Titel "Auf Augenhöhe in Halbhöhe" ist eine begleitende Textsammlung zeitgenössischer Autor*innen entstanden, die die weißen Klingelschilder in Halbhöhenlage zum Anlass einer "Neubeschreibung" genommen haben. Mit zunehmender Halbhöhe schmelzen die Namen an den Klingeln erst zu Initialen, um dann häufig ganz zu verschwinden.

Die begleitende Ausstellung des Comics LA GRIETA/DER RISS setzt unsere Perspektiven in einen Bild- und Textdialog europäischer Außengrenzziehungen und Herkunftsfragen.

"Die Spuren dessen, was man in der Kindheit gewesen ist, wirken im Erwachsenenalter fort, selbst wenn die Lebensumstände ganz andere sind. Deshalb bedeutet die Rückkehr in ein Herkunftsmilieu, aus dem man hervor-und von dem man fortgegangen ist, immer auch ein Wiedersehen mit einem konservierten wie negierten Selbst: Das Unbehagen, zwei verschiedenen Welten anzugehören, die schier unvereinbar weit auseinanderliegen und doch in allem, was man ist, koexistieren." – Didier Eribon 


Auszug aus dem Programm

Samstag, 14. Oktober 2017, 18.00 Uhr

GRENZÜBERSCHREITUNGEN

Lesung und Gespräch
Fatma Aydemir und Alissa Ganijewa
Moderation: Deniz Utlu
Deutsche Lesung: Marit Beyer

Fatma Aydemir hat ihr Romandebüt ELLBOGEN zwischen Deutschland und der Türkei angesiedelt: Die 17-jährige Hazal Akgündüz, geboren in Berlin, könnte eine gewöhnliche Erwachsene werden, wenn sich nicht ihre aus der Türkei eingewanderten Eltern in Deutschland fremd fühlen würden und Hazal auf ihrer Suche nach Heimat und Identität fatale Fehler begeht. Erst ist es nur ein geklauter Lippenstift. Dann stumpfe Gewalt. Als die Polizei sie sucht, flieht Hazal nach Istanbul, eine ihr bis dato völlig unbekannte Stadt, auf der Suche nach einem Platz in der Welt. Wird man als Nestbeschmutzerin bezeichnet, wenn man sich kritisch mit eigener Herkunft auseinandersetzt? Das ist der jungen russischen Schriftstellerin Alissa Ganijewa widerfahren, die aus der nordkaukasischen Republik Dagestan in Russland stammt. In ihrem Roman EINE LIEBE IM KAUKASUS krachen Tradition und Moderne, Herkunft und Wunschidentitäten, Fortschritt und Brauchtum aufeinander. Und das in einem sich rasend wandelnden System. Beide Autorinnen setzen sich mit ihren Herkünften auseinander, entlarvend und kritisch, mit Witz und Sprachgewalt.


Sonntag, 15. Oktober 2017, 18.00 Uhr

HERKUNFT IN ZUKUNFT

Diskussion
Muhterem Aras, Thomas Krüger, Sighard Neckel und Florian Kessler
Moderation: Jenny Friedrich-Freksa

"Ich bin Arztsohn, lassen Sie mich durch" übertitelte der Autor Florian Kessler seinen kontrovers diskutierten Artikel über die habitualisierte Reproduktion der Schreibstudiengänge vorwiegend durch Akademikerkinder. Über einen anderen Bildungs- und Herkunftshintergrund verfügt die Landtagspräsidentin Muhterem Aras, geboren in einem anatolischen Dorf in der Türkei. Grundiert durch ihren bemerkenswerten sozialen wie kulturellen Echoraum des eigenen Aufstiegs sieht sie in der Bildung und ihren Einrichtungen den zentralen Schlüssel für eine gerechtere und herkunftsdurchlässigere Gesellschaft. Der Professor für Soziologie an der Universität Hamburg, Sighard Neckel, macht mit seinen Gesellschaftsanalysen und Ungleichheitsforschungen und Untersuchungen zum Leistungsparadigma schon seit geraumer Zeit auf sich aufmerksam, und Thomas Krüger denkt als Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung immer wieder neu über die Verquickung von politischer Bildung, Demokratiebildung und Herkunft nach. In dieser Diskussion richten die Gäste den Blick auf die Zukunft: Was können wir in unseren jeweiligen Wirkungsfeldern tun, um Herkunft von ihrem Stigma zu lösen und Diversität zu fördern und anzuerkennen?

 

Informationen

Termin
Freitag, 13. Oktober, bis Sonntag, 15. Oktober 2017

Ort
Literaturhaus Stuttgart
Breitscheidstr. 4 (Bosch Areal)
70174 Stuttgart

Eintritt
Vorverkauf in der Buchhandlung im Literaturhaus sowie an vielen Vorverkaufsstellen in Stuttgart und Umland.

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Programmheft


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Förderer

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