Bericht über die Debatte "Welches Land wollen wir sein?"

24.02.2017 14:22

Etwa 450 Teilnehmende und fünf prominente Podiumsgäste haben im Hospitalhof über soziale Ungleichheit und die Zukunft Deutschlands diskutiert.

Ein Bericht von Dorothee Schöpfer

Die Wogen schlugen hoch – wie es bei dem Thema des Abends „Welches Land wollen wir sein?“ auch nicht anders zu erwarten war. Rund 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben im Hospitalhof Einschätzungen von bekannten Persönlichkeiten wie Muhterem Aras oder Christoph Sonntag gehört, sind aber auch als Diskutanten über das Erstarken des Rechtspopulismus, über Rassismus und die Ängste vor gesellschaftlichen Umbrüchen ins Gespräch gekommen. Eingeladen hatten das gastgebende Evangelische Bildungszentrum Hospitalhof, das Deutsch-Türkische Forum Stuttgart, die Evangelische Gesellschaft und das Renitenztheater. Keine Belehrungen von oben herab, sondern ein offenes, vielstimmiges Gespräch unter Bürgern, so lautete das Konzept der Veranstaltung, die sich an die amerikanische Tradition der Townhall Debates anlehnt.

Moderator Wieland Backes startete den Abend mit einem Zitat von George Orwell: „Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Aber was bedeutet es, wenn diese Freiheit von Rechtspopulisten eingefordert wird, die „ihre trübe Suppe auf dem Feuer der Ängste von Bürgern kochen?“, so der langjährige Fernsehtalker.

In einem waren sich die Podiumsgäste Muhterem Aras, Landtagspräsidentin von Baden-Württemberg, Kabarettist Christoph Sonntag, Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland und der Stuttgarter Integrationsbeauftragte Gari Pavković einig: Man muss im Gespräch bleiben – auch mit den Rechtspopulisten und ihren Wählern. „Wir müssen mit der AfD streiten und über ihre Angebote diskutieren. Die entpuppen sich schnell als dürftig“, so Ulrich Lilie. Der geschätzte Anteil von rund zwanzig Prozent AfD-Sympathisanten in Deutschland ist für Muhterem Aras kein Anlass zur Sorge: „Die große Mehrheit denkt anders. Natürlich müssen wir die Probleme sehen und lösen, aber Deutschland und ganz besonders Baden-Württemberg ist weltoffen.“ Dass sie selbst als Frau türkischer Abstammung heute dem Landtag vorsteht, ist für Aras der offenkundige Beweis dafür.

Christoph Sonntag plädiert dafür, die Diskussion über die Zukunft Deutschlands nicht dem rechten Rand zu überlassen. „Nur meckern hilft sowieso nichts, man muss schon selbst mit einer Herzenshaltung tätig werden“, so der Kabarettist, der sich mit seiner „Stiphtung Christoph Sonntag“ um Straßenkinder in Stuttgart kümmert. Der Integrationsbeauftragte Gari Pavković wundert sich über die Diskrepanz zwischen pessimistischer Einstellung und tatsächlichem Wohlstand: „Nie ging es in den Menschen in Deutschland so gut wie heute. Und nie war die Stimmung so schlecht. Das würde ich gerne verstehen.“

Ein türkischstämmiger Zuhörer berichtete, dass er seit 33 Jahren in Deutschland lebe, als Selbständiger 15 Millionen Euro umgesetzt habe, sich seit zwei Jahren aber erstmals wie ein Ausländer fühle. Seine Töchter, die Kopftuch tragen, seien kürzlich in einem Supermarkt als Terroristinnen beschimpft worden. Christoph Sonntag rät zur Gelassenheit: „Sie sind ein gestandener Unternehmer, lassen Sie sich davon doch nicht beeindrucken.“

Für Ulrich Lilie von der Diakonie Deutschland ist die schlechte Stimmung in der Bevölkerung nicht ganz so überraschend – es käme eben sehr darauf an, wo man in Deutschland lebe. „Der Wohlstand ist regional sehr unterschiedlich verteilt. Fahren sie von Düsseldorf aus nur wenige Kilometer weiter, dann denken Sie, Sie sind in einem anderen Land. In Wuppertal oder Bochum werden Schwimmbäder und Theater geschlossen, dort sind die Kommunen bankrott.“ Dass das Schulsystem heute weniger Durchlässigkeit bietet als noch in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, dass der soziale Wohnungsbau vernachlässigt wurde und dass sich die Eliten der Gesellschaft in eigenen Parallelwelten bewegen, in denen die Lebenswirklichkeit anderer Schichten komplett ausgeblendet werde, das sind für Lilie drängende Fragen. „Die soziale Ungleichheit ist das größte Problem, darüber müssen wir reden.“

Über das Elend im reichen Baden-Württemberg berichtete eine Schülerin, die den Kinderstrich in der Nähe des Hauptbahnhofs anprangerte. Eine andere Diskussionsteilnehmerin, die in einer Kleinstadt in der Flüchtlingshilfe arbeitet, wünschte sich Hilfestellungen, wie man mit AfD-Wählern ins Gespräch kommen kann: in ihrem Ort hätte die AfD ein Fünftel aller Stimmen bekommen. Ein Mann wunderte sich über die schlechte Organisation von Sprachkursen für Flüchtlinge: „Das hat in den siebziger Jahren in Stockholm schon besser funktioniert als heute bei uns“, berichtete er aus eigener Erfahrung. Die Bereicherung durch die Vielfalt der Kulturen, aber auch Abschottungstendenzen von ausländischen Jugendlichen waren die Themen weiterer Debattenbeiträge.

Wer Wieland Backes als langjährigen Nachtcafé-Moderator kennt, den dürfte es kaum überrascht haben, dass er den Teilnehmern nach der eineinhalbstündigen Diskussion noch ein Zitat von Benjamin Franklin auf den Nachhauseweg mitgab. „Was hilft es, sich bessere Zeiten zu wünschen? Ändert euch selbst, dann ändern sich auch die Zeiten.“